Freiwache, Freizeit und Freiheit

Nachtwache, Backschaft und Unterricht, alles ist es etwas Besonderes. Es sind Erfahrungen und Momente, aus denen ich lerne und die ich nie vergessen werde. Ich lebe meinen Traum und versuche jede Sekunde dieser Zeit auszuleben, Neues zu probieren und kennenzulernen. Gerade Freiwache, also Freizeit bietet in dieser Hinsicht eine immense Freiheit. Liegen ein paar freie Stunden vor mir, so fällt mir lediglich die Entscheidung schwer, was ich entdecken möchte. Erkunde ich die neue Stadt, vor der wir ankern, begebe ich mich auf die Suche nach einem Supermarkt und stelle mich der Qual der Wahl vor dem Süßigkeiten-Regal, tauche ich in die Welt eines Buches aus der Schiffsbibliothek ein oder spiele ich lieber Volleyball am Strand?

Ich entscheide mich für Letzteres. Während Geographie, der letzten Stunde für heute, schweifen meine Gedanken immer wieder ab und ich freue mich darauf, mich am Strand auspowern zu können. Dieses Abschweifen ist vermutlich der Tatsache zu verdanken, dass wir Unterricht an Deck hatten und mein Blick daher immer wieder auf den Strand fiel und den Wind- und Kite-Surfern folgte, die nicht selten Kreise um uns zogen. Da der Unterricht hier auf der Thor wesentlich interessanter und spannender gestaltet ist als zu Hause, fällt es mir aber nicht schwer, meinen Blick zu lösen und mich wieder nach vorne zu fokussieren. Die Zeit verfliegt schnell, und mit einer Veranschaulichung der EU in einer Hausgemeinschaft endet der Unterricht. Ich werfe meinen Ordner auf die Koje und greife meinen Beutel mit der Wasserflasche. Nachdem wir die Ladeluke verschlossen haben, steige ich in das Dinghi und wir legen vollbesetzt ab. Innerhalb weniger Minuten erreichen wir den Segler-Hafen und, während das Dinghi zurück zur Thor fährt, machen wir uns auf den Weg zum Strand, der direkt neben dem Hafen liegt.

Ein paar Steinstufen führen mit Sandhaufen bedeckt zum Strand. Schnell findet sich ein geeigneter Platz ohne allzu viele Muschelteile und ich ziehe sofort meine Schuhe aus. Das erste Mal seit Maio spüre ich wieder warmen Sand unter meinen Füßen. Erinnerungen kommen hoch und Glücksgefühle und Energie durchströmen mich. Ich nutze den Raum, der dafür auf der Thor fehlt, und renne Kreise durch den Sand. Auch jetzt fühle ich mich frei. Schnell messen wir in Schritten ein Feld ab und beginnen zu spielen. Wie ich dort stehe am Strand, schießt mir durch den Kopf, dass ich hier Mitte März am Strand auf den Azoren stehen kann und Volleyball spiele. Es hat etwas Surreales, wenn ich an zu Hause denke. Es ist noch so weit weg. Der Wind ist stark und ich spüre ihn in meinem Gesicht. Das Meer, mitsamt seiner Gischt, das mir vor einigen Monaten noch riesig und gefährlich erschien, ist jetzt für mich unendlich in seiner Weite und doch mein zu Hause. Ich bin umgeben von meinen Freunden, die zu einer Familie geworden sind. Ich fühle mich zu Hause an Orten, die ich nicht kenne. Die Welt ist mein zu Hause geworden. Ich habe das Gefühl von Freiheit kennengelernt und es begleitet mich in jedem Moment dieser Reise.

KUS-Ticker

17.03.2021, Mittwoch

Position: Vila da Praia, Graciosa, Azoren
Lufttemperatur: 16°C
Wassertemperatur: 16,5°C
Wind: S2

  • 07:30: Frühstück
  • 08:15-09:15: Backschaft und Reinschiff
  • 09:15-16:00: Unterricht
  • 18:30: Abendessen

Donnerstag, 18.03.2021

Position: Vila da Praia, Graciosa, Azoren
Lufttemperatur: 14,5°C
Wassertemperatur: 15°C
Wind: SSW1

  • 07:30: Frühstück
  • 08:15-09:15: Backschaft und Reinschiff
  • 09:15-16:00: Unterricht
  • 16:00-18:30: Landgang
  • 18:30: Abendessen